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Die Insel
Vilm
In den Lehrbüchern ist alles klar: Buchenwälder sind bis auf wenige Ausnahmen die natürliche Vegetation in Deutschland. Auf der Ostseeinsel Vilm zeigt sich, dass diese
Lehrbuchmeinung vielleicht zu einfach war. Statt Buchen wachsen im Urwald plötzlich junge Bergahorne. Forscher suchen nach den Gründen.
Seit Jahrhunderten unberührt
Die Insel Vilm birgt eine Besonderheit: einen der ältesten Wälder Deutschlands, einen Urwald. Seit
Jahrhunderten stehen seine riesigen Buchen und Eichen unter strengstem Schutz von Fürsten und Mächtigen, dienten Malern wie Caspar David Friedrich als Inspiration. Heute unterhält das Bundesamt
für Naturschutz in der ehemaligen Ferienanlage eine internationale Naturschutzakademie. Der Rest der Insel ist ein einzigartiges Naturschutzgebiet.
Der Natur freie Hand gelassen
Wälder wie auf Vilm sind für Forstwissenschaftler eine Referenz. 500 Jahre wurde hier nachweislich nicht mehr
abgeholzt. Nur hier können Wissenschaftler untersuchen, wie sich ein Wald natürlich entwickelt im Kreislauf von Wachstum, Verjüngung und Sterben - ohne den Einfluss des Menschen. Hier sieht man,
wie ein idealer Wald aussehen muss, der auch stärksten Stürmen widersteht. Zwischen den Buchen wachsen verschiedene Begleitbaumarten: Eichen und Bergahorne, aber auch Fichten und Tannen, je nach
den lokalen Bedingungen.
Buchenwälder gelten als die natürliche Vegetation der meisten Regionen des Waldlandes Deutschland. 70 bis 80 Prozent aller Flächen würden sie ohne das Eingreifen des Menschen bedecken, lautet ein
Lehrsatz, der lange Zeit unerschütterlich galt. Doch auf Vilm zeigt sich, dass die Forscher noch viel über die natürlichen Vorgänge lernen müssen.
Labor im Wald
Unter den
gigantischen Baumriesen wächst eine neue Generation des Waldes heran. Natürlich verjüngt, garantiert ohne Einfluss des Menschen. Doch es sind kaum noch Buchen. Vor allem Bergahorn, zwischen zehn
und zwanzig Meter hoch, ersetzt hier die alten Giganten.
Aufbauend auf den Forschungsdaten der DDR untersucht Forstingenieur Uwe Gehlhar von der Landesforstanstalt Mecklenburg Vorpommern, wofür sich die Natur Jahrhunderte Zeit lässt. Mit seinem Team
legt er in allen Naturwäldern Mecklenburg Vorpommerns mit Hilfe von hochgenauen GPS-Geräten ein Raster von Messpunkten an. Im Abstand von zehn Jahren kartiert der Wissenschaftler in Kreisen um
diese Punkte Pflanze für Pflanze und damit die Veränderungen und die Dynamik des Waldes. Er untersucht mit Bohrern den Untergrund, um den Einfluss von Nährstoffen zu ermitteln, denn auch der
Waldboden dieses Naturwaldes unterscheidet sich von dem der intensiv genutzten Forste.
Rüttelt die Natur an Dogmen?
Schon jetzt kann Gehlhar einen Trend zum
Bergahorn feststellen. Zeigt sich hier bereits eine erste Folge des Klimawandels? Eine Anpassung an veränderte Böden? Oder wird sich nach einer kurzen Zwischenphase mit Bergahorn wieder die Buche
als dominierende Art durchsetzen?
Für Uwe Gehlhar ist es eine dauerhafte Veränderung. Dort, wo Bergahorn dominiert, findet Gehlhar kaum noch Buchen. Und der Grund könnte in den obersten Dezimetern des Bodens liegen. Die in
Verbrennungsmotoren entstehenden Stickstoffverbindungen werden weitab von den Ballungszentren durch den Regen ausgewaschen und düngen so den Boden. Und junger Bergahorn ist auf nährstoffreichen,
kalkhaltigen Böden der Buche überlegen. Auf solchen Flächen könnte dauerhaft mehr Bergahorn wachsen als Buchen.
Doch Wälder wachsen langsam. Und so kann es lange dauern, bis man wirklich sicher weiß, ob die Lehrbücher umgeschrieben werden müssen
(Quelle: bfn.de/biosphaerenreservat-suedostruegen/wdr/werg)