Radio S
nnenschein
Endstation Friedhof: Wer hier liegt, dem bleibt nur die Hoffnung auf das Jenseits. Der Tod
ist trotz allen wissenschaftlichen Fortschritts nicht überwindbar.
Von wegen, sagt Robert Ettinger, Mathematiker, 90 Jahre alt. Er fährt immer noch jeden Tag in die Firma, die er gegründet hat. Und wenn er stirbt, bringen sie ihn auch genau dorthin: Ins Cryonics
Institute in Clinton Township, USA.
Den Tod
überlisten
In den Hallen des Cryonics Institute ruhen schon 90 Menschen: in weißen, drei Meter hohen Tanks in einem eisigen Stickstoffbad – bei minus 196 Grad Celsius. Bevor sie starben,
hatten sie alle dieselbe große Hoffnung: Dass die Wissenschaft sie eines Tages auftauen, zum Leben erwecken, ihre Krankheiten heilen werde. Sie nennen sich Kryoniker, Ettinger gilt als Vater
ihrer Bewegung.
"Derzeit habe ich drei Verwandte unter unseren Patienten", erzählt er, "meine Mutter war im Jahr 1977 unsere erste Patientin, meine erste Frau war im Jahr 1987 unsere zweite Patientin und meine
zweite Frau war im Jahr 2000 unsere 36. Patientin."
Nach dem großen Auftauen würde Robert Ettinger, welch eine Aussicht, also gleich von zwei Ehefrauen umgeben sein. Andere aber müssen sich mit weniger begnügen.
Gefrorene
Haustiere
In etwas bescheideneren Tanks ruhen die Haustiere der Kryoniker. Mitarbeiter Andy Zawacki
lässt uns einen Blick hinein werfen. Kaum zu glauben.
"Wir lagern hier Katzen ..."
"Katzen?"
"Richtig!"
"Warum wollen Leute ihre Katze einfrieren?"
"Sie lieben ihre Tiere und wollen sie nicht verlieren. Sie wollen sie wieder zurückhaben. Insgesamt haben wir hier etwa 20 Katzen, ungefähr 15 Hunde, drei Papageien und einen Hamster."
"Einen Hamster?!"
"Richtig."
"Wo kommt der her?"
"Aus England."
Wer in den Hallen des
Cryonics Institute ruht, gilt nicht als Toter. Man nennt ihn Patient. Trauer und Grabpflege entfallen. Immerhin: Für Patient Nummer 50 wurde ein kleiner Blumenstrauß hinterlegt. Patient?
Institutsgründer Ettinger ist fest davon überzeugt: "Nun, unsere Aussage ist, dass jemand, der stirbt, nicht ausgeht wie ein Licht. Und die meisten Menschen sind unmittelbar nach dem juristischen
Tod noch zu 99 Prozent lebendig und deshalb sind sie Patienten."
Die Kunst des
Einfrierens
Ob seine Patienten jemals ihrem Stickstoffbad entsteigen werden? Die Kälte soll sie genesungsfähig halten, aber das ist gar nicht so leicht.
Denn Kälte konserviert zwar, aber sie zerstört auch. Zum Beispiel ein Stück Fleisch: Beim Einfrieren bilden sich Eiskristalle; sie zerreißen die Zellstrukturen; sprengen die Zellwände – und das
Fleisch zerspringt wie Glas.
Damit den Menschen in den Tanks des Cryonics Institute nicht dasselbe passiert, werden sie vorher präpariert. Das kostet
insgesamt 28.000 Dollar pro Person.
Geschäftsführer Ben Best zeigt uns die geheimnisvolle Prozedur. Heute nur an einer Puppe, aber vor einer Woche lag hier eine Leiche – pardon, ein Patient. "Wenn wir einen Patienten haben, der für
tot erklärt wurde", erklärt er, "dann legen wir ihn in diesen Behälter, und damit bekommt er Sauerstoff. Hier wird dann Wasser und Eis eingefüllt; das Blut des Patienten zirkuliert wieder und das
kühlt ihn dann herunter."
Er ersetzt das Blut gegen eine Nährlösung und fügt Gefrierschutzmittel gegen die Eiskristalle hinzu – eine immerhin giftige Substanz! Fraglich, ob ein lebender Organismus diese Prozedur
überstehen würde.
Alles nur
Bluff?
Aber die seriöse Wissenschaft hat noch ganz andere Einwände. Der Biologe Dr. Felix Franks
kann über die Kryoniker nur den Kopf schütteln: "Das ist doch ein Schwindel. Man friert die Leute nicht ein, während sie noch am Leben sind. Man friert sie ein, nachdem sie gestorben sind. Und
den einen Trick, den wir noch nicht gelernt haben, das ist, wie man Tote wieder zum Leben erweckt."
Wir werden also, zumindest vorerst, weiter sterben müssen. Selbst in den USA sind Ruhestätten für Kryoniker nur als Friedhöfe zugelassen – und nicht als Sprungbrett ins ewige
Leben.
(Quelle: hr/werg)