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Wenn der Zoologe Johannes Bauchhenß von seinem Forschungsgebiet
erzählt, muss er bisweilen spöttische Blicke ertragen. Denn Bauchhenß ist Regenwurm-Experte bei der Bayerischen Landesanstalt für Bodenkultur und Pflanzenbau. In seinem Labor in München stehen
etwa 2000 Regenwurmpräparate aufgereiht, für Jahrzehnte konserviert in mit gelblichem Formalin und Alkohol gefüllten Gläsern. Im Laufe seiner 30-jährigen Forschungsarbeiten hat Bauchhenß sie
gesammelt und ihre Art bestimmt.
Gut 50 verschiedene Regenwurmarten gebe es allein in Deutschland, beschreibt der Forscher
die Vielfalt der Tiere, die ihn zunächst gar nicht interessierten: «Anfangs habe ich die Viecher nicht gemocht», erzählt er. «Die kriechen da draußen behäbig und lahm in der Erde rum, was soll
man an Regenwürmern schon Spannendes erforschen.» Heute hat er seine Einstellung zu den nützlichen Tieren grundlegend geändert.
Je mehr Würmer sich im
Boden tummeln, desto besser sei dieser Boden gegenüber starken Regenfällen und anhaltenden Trockenperioden gewappnet, erklärt Bauchhenß. Durch die gute Unterflurbewässerung über die
Regenwurmröhren werden Überschwemmungen verhindert und Erosion wird vorgebeugt. Doch nicht nur über die Gänge kann Regenwasser abfließen, es wird auch im mineralhaltigen Kot der Tiere an der
Erdoberfläche gespeichert. Für längere Dürrezeiten ist damit sogar ein Wasserspeicher angelegt. Die Arbeit der Regenwürmer ist womöglich wichtiger als je zuvor.
Die Gänge und Röhren, die die bis zu 20 Zentimeter langen Würmer in den Boden graben, verbessern die Bewässerung, Belüftung und Auflockerung des Bodens. Viele
Landwirte hätten das aber noch nicht erkannt, sagt Bauchhenß. Mit tonnenschwerem Gerät zerpflügen sie die Erdröhren, quetschen den Ackerboden zusammen und nehmen dem Regenwurm die Nahrung. Die
Tiere fressen auf den Feldern liegengebliebene Pflanzen- und Strohreste. Je ordentlicher und «sauberer» die Bauern ihre Äcker halten, je öfter sie umpflügen, desto mehr werde der natürliche
Lebensraum der Würmer zerstört, erklärt Bauchhenß.
Auch Biobauer Albert Brandmair macht sich für die Würmer stark. «Der Pflug macht reinen Tisch. Das mag zwar ´besser´ aussehen, aber so was ist mir mittlerweile ein
Graus», sagt er. Seit zweieinhalb Jahren hat der Landwirt seinen Hof in Ismaning nun auf biologischen Landbau umgestellt. Das habe ihn intensive Einarbeitungszeit gekostet, aber er könne das
«regenwurmfreundliche» Wirtschaften bereits an der verbesserten Bodenstruktur erkennen. «Die Pflanzen treiben jetzt tiefere Wurzeln und die Erde ist viel feinkrümeliger». Noch kann er nicht ganz
auf das Pflügen verzichten, er arbeitet jedoch daran.
Ein gesunder und damit regenwurmdurchsetzter Ackerboden bedürfe eigentlich gar keines Pfluges mehr. Denn unter seiner Erdoberfläche tummelten sich rund 2,3 Millionen
Regenwürmer pro Hektar, das entspreche in etwa der Einwohnerzahl des Großraums München, veranschaulicht Bodenexperte Bauchhenß. Pro Quadratmeter, erzählt er, kommen so 350 bis 450 Regenwurmröhren
zustande, die tief in den Boden reichen und zusammen ein riesiges Gängenetz bilden.
Als «behäbig und lahm» würde Bauchhenß die Regenwürmer heute
nie wieder bezeichnen. «Tolle und differenzierte Tiere» seien das, schwärmt er. Und Öko-Landwirt Brandmair appelliert: «Wir sollten wenig Ressourcen verbrauchen, wenig verschmutzen und der Natur
- und damit auch dem Regenwurm - größten Respekt entgegenbringen.»