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nnenschein
Ausverkauf auf Madagaskar
Mehr als
einhundert Tote haben die Unruhen der vergangenen Tage und Wochen auf Madagaskar gefordert. Aber was ist eigentlich passiert auf dieser Insel, die sonst so selten in die Schlagzeilen gerät? Ein
offenbar geldgieriger Präsident soll in geheimen Deals dem südkoreanischen Konzern Daewoo 1,3 Millionen Hektar Ackerland angeboten haben, um Palmöl und Mais anzubauen. Die madagassischen Bauern
fürchten den Ausverkauf ihrer Insel und haben sich auf die Seite des 34-jährigen Bürgermeisters der Hauptstadt gestellt, der kurzerhand den Präsidenten für abgesetzt erklärte. Noch ist der
Konflikt nicht gelöst, es drohen weitere blutige Auseinandersetzungen.
Eine Insel von atemberaubender Schönheit. Doch nur ein Bruchteil des Landes eignet sich für Ackerbau. Auf den meisten Feldern wird Reis angebaut – das Hauptnahrungsmittel der
Madagassen. Unter der sengenden Sonne machen sie sich über ihren Reispflanzen krumm. Meist Kleinbauern mit kaum mehr als einem Hektar. Die Ernte muss ein Jahr reichen, auch für Ernest Ramanampy,
seine Frau und drei Kinder. Die Südkoreaner können über eine Million Hektar pachten. Das macht ihn neidisch: „Wir Bauern könnten viel mehr anbauen. Es ist für uns die einzige Möglichkeit, Geld zu
verdienen. Aber wir besitzen nicht genügend Land. Wir müssen sogar Reis dazukaufen.“ Die Südkoreaner wollen auf Madagaskar riesige Flächen industriell bewirtschaften: Mais und Palmöl für den
asiatischen Markt.
In diesem Haus in der Hauptstadt Antananarivo hat der südkoreanische Konzern Daewoo Logistics ein Büro gemietet. Interviewanfragen werden nicht beantwortet. Die Dame an der
Rezeption lässt uns einfach stehen, verschwindet mit Telefon und Kollegin. Auf der Firmentafel hat Daewoo Logistics seinen Namen löschen lassen. Und dann ist auch schon der private
Sicherheitsdienst da. Der südkoreanische Konzern scheut die Öffentlichkeit. Drehaufnahmen verboten, selbst von außen. Durch den Land-Deal mit Südkorea ist für viele Madagassen die Grenze des
Zumutbaren erreicht. Seit Wochen gehen sie auf die Straße, angeführt von Andry Rajoelina, dem Bürgermeister der Hauptstadt. Er wirft Präsident und Regierung den Ausverkauf des Landes vor, die
Verelendung der Bevölkerung. Rajoelina erklärt Präsident und Regierung für abgesetzt. Daraufhin mobilisiert der Präsident seine Anhänger. Er sei demokratisch gewählt und habe nur das Interesse
des Landes im Sinn. Und dann enthebt er den Bürgermeister seines Amtes. Die Stimmung heizt sich auf. Die Demonstrationen geraten außer Kontrolle. Brandstiftungen, Tränengaseinsätze – die
Präsidentengarde feuert in die Menge.Hunderte von Demonstranten wurden bislang verletzt, mindestens 125 getötet. Büros und Geschäfte werden in Brand gesetzt und geplündert. Darunter auch eine
Firma namens Daewoo. Der Besitzer war Madagasse, die Namensgleichheit mit dem südkoreanischen Konzern sein Verhängnis.
Abgeschirmt von Polizei und Präsidentengarde treffen sich Präsident und Bürgermeister im Haus des Erzbischofs. Beide Seiten behaupten, sie wollten eine Eskalation vermeiden.
Doch Mitte vergangener Woche werden alle weiteren Treffen abgesagt. Die beiden Politiker trennen sich ohne Annäherung. Präsident Ravalomanana ist Widerspruch nicht gewohnt. Als größter
Unternehmer von Madagaskar führt er das Land, als wäre es Teil seines Konzerns. Er setzt auf Wirtschaftswachstum und ausländische Investoren, auch auf die Südkoreaner. Doch kein Wort dazu,
solange die Machtfrage nicht entschieden ist. „Trotz der Unruhe, die unter unseren Bürgern gesät wird“, sagt er in einer Rede an die Nation, „erkläre ich hier, dass die von mir geführte Regierung
im Amt ist und im Amt bleiben wird.“ In der Villa des Bürgermeisters treffen sich unterdessen Mitglieder der Gegenregierung. Andry Rajoelina stammt aus gutem Haus und wurde mit einer Werbefirma
reich. Der Landdeal mit Daewoo ist für ihn voller Ungereimtheiten. Niemand kenne den genauen Inhalt des Vertrags. Wurden Schmiergelder gezahlt? Und gibt es Garantien, dass als Gegenleistung
wirklich Arbeitsplätze geschaffen, Straßen und Schulen gebaut werden? Dazu hat Rajoelina einen grundsätzlichen Einwand: „Unsere Verfassung verbietet einen solchen Land-Deal. Artikel 3 unserer
Verfassung untersagt ausdrücklich, dass Grund und Boden von Ausländern gekauft oder gepachtet werden dürfen.“
Viele Menschen in der 2-Milllionenstadt Antananarivo sind das Chaos inzwischen leid. Aufmerksam lesen sie jeden Morgen die Schlagzeilen. Die Gerüchteküche brodelt, die Angst vor
einem Putsch wächst. Die Militärs – so heißt es – seien zum Eingreifen bereit, wenn sich die beiden Streithähne nicht einigen. „Die Militärs können das Problem nicht lösen“, sagt ein Passant.
„Besser wäre ein Kompromiss am Verhandlungstisch.“ Präsident und Bürgermeister hätten ihre Chance gehabt, sagt eine Frau. Die Zeit sei reif für einen Dritten, einen neuen Präsidenten. Auf dem
Land bekommt man von dem Machtkampf in der Hauptstadt wenig mit. Reisbauer Ramanampy und seine Frau haben mit dem Überleben genug zu tun. Die Grundnahrungsmittel haben sich dramatisch verteuert.
Und Ramanampy hat – wie zwei Drittel der Madagassen –weniger als einen Euro am Tag. Zum Glück gibt es dieses Jahr eine gute Reisernte. Wenn sie sparsam sind, könnte es für seine fünfköpfige
Familie reichen. Und wie sieht er seine eigene Zukunft, was erwartet er von den Politikern? „Der Machtkampf in der Hauptstadt, das sei doch nur ein Streit zwischen zwei Millionären. Von denen
erhoffe er sich gar nichts. Aber vielleicht könne er ja irgendwann mal einen halben Hektar dazu pachten.“
Der Pacht- Vertrag mit den Südkoreanern liegt erstmal auf Eis. Daewoo Logistics - so heißt
es – sei die politische Lage zu instabil. Zu heftig die Proteste, zu groß die Angst der Madagassen, vom eigenen Land vertrieben zu werden.
(Quelle: SWR/werg)