Radio S
nnenschein
Ein Tomatenfeld in der Wüste
Der Tomatenpionier
Kemal, Tomaten-Pionier:
"Was soll ich in Europa? Die Leute, die dahin gehen, die haben keine Ahnung. Das sage ich denen auch immer. Ich habe keine Lust, dort das Geschirr zu spülen. Da versuch' ich's lieber hier. Klar
ist das ein hartes Leben hier. In der Wüste muss man sich echt anstrengen, um was aufzubauen. Aber hier bin ich selbst der Chef, der anderen Arbeit gibt."
Ein Hauch von Rush Hour in der Wüste. Algeriens Bevölkerung ist jung, und sie wächst schnell. Aber anders als in den überfüllten Städten des Nordens ist in der Sahara noch Platz. Mit
Großprojekten wie dieser Wasserleitung will die Regierung den armen Süden wohnlicher machen - und damit attraktiv für Neuansiedler. Tatsächlich kommen vor allem junge Männer aus dem Norden. In
vielen Cafés und Restaurants bestimmen sie das Bild - nicht die einheimischen Touareg in ihrer traditionellen Kleidung. Viele der Neuen wollten früher mal nach Europa - statt ab in die
Wüste.
Pizza in der Wüste statt in Europa
Gäste des Cafés erzählen uns:
"Ich war schon kurz davor auf so ein Boot steigen, mit dem man nach Europa fährt. Aber im letzten Moment haben wir es uns anders überlegt."
"Das Meer war so stürmisch, und es sterben ja viele Leute bei der Überfahrt. Jetzt versuchen wir's halt in der Sahara."
Und sie bringen vom Mittelmeer ihre Kultur mit. Abdelkader hat sich gedacht: Wenn so viele Nordlichter in die Wüste ziehen, werden sie bestimmt ihre vertraute Pizza vermissen. Die
Alteingesessenen finden es eher komisch:
Ein Touareg spricht in sein Mobiltelefon:
"Hör mal, du glaubst nicht, was ich hier sehe: Mokhtar isst eine Pizza. Echt."
"Es ist die beste Pizza der Region.", sagt ein Gast Oder, etwas präziser: die einzige - im Umkreis von 500 Kilometern.
Schwierige Lebensbedingungen
Pizzabäcker Abdelkader:
"Ich weiß noch, wie ich hier ankam. Ich setzte den ersten Fuß auf den Boden und dachte: Mein Gott, das ist das Ende der Welt. Hier gibt es nichts außer Sand. Und warum sollen die hier jemals
meine Pizza kaufen? Aber sie kaufen. Es klappt tatsächlich!"
Es ist ein koloniales Abenteuer im eigenen Land. Man braucht Ausdauer, um hier zu leben. Die ehemalige Siedlung, in der Abdelkader herum steigt, ist schon lange verlassen. Hunderte Jahre. Genau
weiß das keiner. Es ist sein Lieblingsplatz. Aber auch hier oben, sagt er, verlässt ihn nicht das Gefühl, dass er fremd ist.
Abdelkader:
"Eine Sache hat nicht geklappt: Ich wollte hier eine Familie gründen. Aber meine Freundin aus Algier wollte nicht mitkommen. War ihr zu hart. Und die Einheimischen - die Touareg, das ist eine
andere Kultur. Die Frauen haben eine andere Mentalität. Das passt nicht. Man kommt nicht so leicht zusammen."
Zurück in der Tomatenoase. Die Hütte aus getrockneten Palmblättern ist Kemals Zuhause. Er, seine beiden Kollegen auf dem Feld - auch das eine Gesellschaft ohne Frauen. Und ohne große Abwechslung,
wenn der Tag geht und die Pflanzungen versorgt sind.
Leben im Provisorium. Aber solange das Geschäft gut läuft, lässt sich das ertragen.
Einer der Arbeiter Kemals zeigt auf eine Tasche:
"Also, hier drin habe ich das, was ich für die Zivilisation brauche. Hier, die Jacke, und falls ich mal einen Ausflug in die Stadt mache, immer ein paar frische Jeans auf Vorrat."
Kemal:
"Alles spielt sich im Kopf ab. Für Deine Stimmung bist Du selbst verantwortlich. Es ist wie mit einem CD-Player: Wenn du die traurige CD reinschiebst, läuft auch traurige Musik. Also, musst Du in
Gedanken immer die fröhliche Platte auflegen."
Kemals Arbeiter:
"Naja, und alle paar Monate braucht man Ferien. Mal ein paar Tage in Algier, um wieder unter Menschen zu sein. Denn hier sind wir ja doch ziemlich allein."
Auf der Speisekarte Tomaten - wie jeden Abend, was sonst? Nur die Wolken nach Sonnenuntergang, die sind jeden Tag anders.
(Quelle: br/werg)